Werde ich mein Halstuch bekommen?

Aus der Sicht eines jungen Pfadfinders.

Ich freute mich, ich durfte endlich mit auf die längste und zugleich abenteuerlichste Fahrt im ganzen Jahr – das Sommerlager. Auch deshalb war ich so gespannt, weil ich mir gute Chancen ausrechnete, endlich mein lang ersehntes Halstuch zu bekommen.

Über das Lager hinweg hatte die ganze Sippe und somit auch ich immer wieder Gelegenheit, unsere erlernten Knoten oder auch den sicheren Umgang mit einer Säge unserem Gruppenleiter zu zeigen und so in meinem Probeheft einen Haken zu bekommen. Ich setzte viel daran, dass ich auf jeden Fall mit meinem blauen Halstuch zurück nach Hause kam. Deswegen klemmte ich mich jeden Tag aufs Neue dahinter, meinem Gruppenleiter einen Verband oder die Waldläuferzeichen zu zeigen. Und die Zeit, bis zur großen Bewährung, dem Waldlauf, auf dem ich mich noch einmal beweisen musste, wurde immer kürzer.

Mein Gruppenleiter bestätigte mir dann eines Morgens auf dem Lager, ich dürfe selbstverständlich auf Waldlauf gehen. Darüber war ich sehr glücklich, und es bestärkte mich in meinem Können.

Und nun war der große Tag des Waldlaufs gekommen. Und ich startete – als zweiter von allen. Zuvor übte ich mit meinen Freunden, die ebenfalls den Waldlauf bestreiten wollten, sehr intensiv alles, was ich dort vielleicht zeigen sollte. Ich befasste mich auch noch einmal extra mit den Lebensräumen und den Feinden unserer heimischen Tiere, denn ich wollte es einfach schaffen.

Nun ging es los für mich. Ich war aufgeregt, sogar sehr. Energiegeladen lief ich los und kam auch gleich bei dem ersten Posten an: ein schon erfahrener Pfadfinder, der mir Aufgaben stellte. Knoten sollte ich machen, Bäume bestimmen und mein Wissen zu den Tieren zeigen. Das konnte ich alles super. Ein gutes Gefühl überkam mich. Weiter ging‘s zu Nummer zwei. Es wurde schon schwieriger. Ich sollte Verbände machen, eine Armschlinge, mit der ich im Ernstfall einen Verletzten versorgen könnte. Auch sollte ich die Pfadfindergesetze aufschreiben und ein paar Fragen zur Steinzeit beantworten. Das konnte ich eigentlich auch, aber da war ich mir nicht ganz so sicher wie bei den Tieren, die ich ja noch davor geübt hatte.

So kam ich immer munter und gut gelaunt von Posten zu Posten. Doch nun kamen viele schwierige Sachen auf einmal. Ein Lied singen, das konnte ich eigentlich, aber ich sollte genau das Lied singen, was ich nicht so gut konnte. Es lief eher mäßig. Einen Stromkreis mit einer Glühbirne und einem Schalter sollte ich auch noch aufbauen, was mich aufgrund der vielen Kabel, Schalter und Dinge, die ich nicht kannte die ich zur Verfügung hatte, verwirrte. Und nun eine Sonnenuhr bauen? Was ist denn das? Warum hatte ich davon noch nie etwas gehört? Ja logisch: den Sonnenlauf kannte ich ja – also wußte ich auch, wo der Schatten wann hinfällt. Ich probierte mich etwas und machte es so gut ich konnte. Von diesem Posten ging ich ehrlich gesagt nur mit einem mäßigen Gefühl weiter. Hätte ich da mehr üben sollen?

Nach einem weiteren Posten war der Waldlauf auch beendet. Und nun hieß es für mich: warten! Bis zum Tag der Halstuchverleihung. Und hoffen, dass auch ich unter denjenigen war, die es erfolgreich geschafft hatten.

Und der Tag kam schneller als gedacht. Die Plätze wurden verlesen.

Auf Platz 1 mit 87,75 Punkten ist … nicht ich.

Auf Platz 2 mit 85,25 Punkten ist … wieder nicht ich.

Ich bekam schon etwas Angst, dass ich es vielleicht nicht geschafft hätte. – Aber dann auf Platz 4 bekam ich mein Halstuch. Und wie ich mich darüber freute! Mit einem breiten Lächeln nahm ich es in Empfang und konnte mein Glück kaum fassen.

Ich hatte es geschafft und ich war sehr, sehr stolz!